Vortrag für die DVGH im Kloster Bernried von Fritz Keller
Mystik – heute noch?
Bibelstelle: Markus 5.26
Viele Menschen folgten IHM und drängten sich um IHN.Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre,werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
welcher Satz spricht Euch am meisten an? >
Bisher stand für mich auch immer das Wunder der Heilung im Mittelpunkt und auch die Stelle >und es ging eine Kraft von IHM aus<. Dieses mal blieb ich an einer kleinen Nebenaussage hängen: >Denn sie sagte sich< >Denn sie sagte sich< sie dachte also bei sich, sie malte sich also ein Bild in ihrem Inneren über diesen Jesus, über den sie ja nur gehört hatte.
Frau anschauen > hineindenken in sie> zuerst reich bis arm >kein Mensch konnte ihr helfen > sie hatte nichts mehr> verzweifelt, hoffnungslos –und
Dann: sie hörte von Jesus > wahrscheinlich mehr über SEINE Wunder, SEINE Taten, SEINE Heilkraft> aber auch SEINE Worte – Jesus sei Gottes Sohn – ER und der Vater sind eins - über das neue Reich das kommen wird, das Reich GOTTES. SEINE neue Lehre hatte sie sicher nicht auf Anhieb begriffen, sie hatte ja nur um ein paar Ecken herum von Jesus gehört – nicht einmal seinen Jüngern gelang dies. Sie konnte also nur das in ihr Bewusst-Sein aufnehmen, was sie von Bekannten gehört hatte. Es setzte sicher ein längerer Denk- und Entwicklungsprozess bei ihr ein> geboren aus der Not heraus> sie dachte über Jesus nach > sie formte sich eine eigene Vorstellung über Jesus. Sie bewegte das Gehörte in ihrem Inneren, in ihrem Herzen. Sie kam zu dem Schluss: einzig und allein, nur ER kann mir noch helfen, auch wenn kein Mensch, kein Arzt mir mehr helfen kann. Sie gab GOTT in keiner Form irgendeine Schuld an ihrer Krankheit – so wie heute oft > was ist das für ein Gott, der so etwas zulassen kann?
Dann: in meinen Augen der alles entscheidende Satz: „Denn sie sagte sich“ > sie sagte also zu sich selbst> sie dachte bei sich > sie glaubte also daran, dass nur ER ihr helfen könnte und auch würde > Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sie glaubte ihrer eigenen Vorstellung von Jesus und SEINER Heilkraft. > Sie hatte den Mut etwas ganz neues, anderes von Jesus zu denken, > sie berührte Jesus zuerst innerlich, bevor sie SEIN Gewand berührte, > damit berührte sie auch sich selbst zuerst innerlich, geistig, bevor es zum Tun kommt. Ich kann nicht sagen, ob die Jünger zu diesem Zeitpunkt schon so ein Vertrauen in ihren Meister hatten, ob sie IHN schon so innerlich berührt hatten.
Und sie berührte sein Gewand> nur sein Gewand – nicht einmal IHN selbst – es spielt scheinbar keine Rolle. Hauptsache sie vertraute darauf, glaubte daran, mit ihrem ganzen Bewusst-Sein, aus ganzem Herzen, mit ganzer Seele, dass ER ihr helfen kann. Ohne diese Berührung von ihr hätte Jesus nicht zeigen können wer ER ist, woher seine Kraft kommt> Ja sie vertraute auf diesen Jesus, auf diese Einheit zwischen IHM und GOTT >
Und heute? – wie ist es heute?
Wir wissen auch nur das über Jesus was wir gehört und gelesen haben. Wir sind also in der gleichen Lage. Hier stellt sich mir die Frage, traue ich mich, mir ein eigenes Bild über Jesus zu machen, oder übernehme ich die Gedanken der Kirchen. Wenn ich die Frau näher betrachte, dachte sie ganz etwas Neues über Jesus, was noch keiner vor ihr gedacht hatte, geschweige denn die Jünger. Sie brachte den Mut auf, anders zu denken und es auch in die Tat umzusetzen. Und hier spannt sich für mich der Bogen in die Mystik. In meinen Augen ist sie einer der ersten christlichen Mystiker überhaupt. Eine klare einfache Mystik > ich vertraue auf IHN – ich glaube an IHN,- ich berühre IHN –ich werde geheilt.
Eigentlich haben alle Mystiker „bei sich gedacht“, haben sich getraut, haben sich nicht gefürchtet „Gott zu denken“ an GOTT zu glauben, jeder auf seine Weise, nach seiner Vorstellung, oft nicht gerade in Übereinstimmung mit den Vorstellungen der Kirchen.
Ich möchte Euch sagen, was „ich bei mir denke“:
Ohne diese Frau, ohne ihr Denken, ohne ihr Berühren hätte Jesus nicht zeigen können, welche Heilkraft von IHM ausgehen kann, wer ER in Wirklichkeit ist. Für mich hat sich GOTT selbst direkt als Jesus in diese Welt geboren, hat GOTT selbst gezeigt dass ER Wirklichkeit ist. Durch Christus und in Christus hat sich GOTT in dieser Welt einen Namen gegeben, hat ER uns die Möglichkeit der Teilhabe an IHM eröffnet.
Macht Euch dies bewusst, getraut ihr Euch GOTT zu denken wie diese Frau? Meister Eckhart nannte dieses eigene Denken über Gott, den „hohen Mut“. In diesem hohen Mut ging Meister Eckhart sogar noch einen Schritt weiter und bezieht diese Gottes-Wirklichkeit auf alle Menschen, wenn er bei sich denkt: Gott könnte ohne mich nicht SEIN. (SEIN großgeschrieben). Und ich muss zugeben, dieser Satz hat mein Leben verändert!
Diesen Schritt in die Mystik zu wagen heißt für mich > SEIN Gewand zu berühren, GOTT zu berühren – ohne Angst GOTT in mein Leben mit einzubeziehen. Durch mich Mensch kann sich GOTT in seiner ganzen Fülle offenbaren - in SEINER ganzen Dreifaltigkeit – in SEINEM höchsten SEIN – und das heißt LIEBE.
GOTT berühren heißt: GOTT in SEINER LIEBE berühren.
Ohne mich Mensch wäre GOTT, wäre die Liebe nicht erfahrbar.
Ich kann darauf vertrauen, dass GOTT durch mich SEINE Wirklichkeit in dieser Welt zeigen will.
Es müssen ja nicht gleich Wunder sein. Viel wertvoller ist es, die Liebe zu Leben, so wie GOTT sie uns als Jesus vorgelebt hat.
Und darum denke ich, dass dies überhaupt der Sinn war, dass GOTT Mensch geworden ist: die LIEBE in dieser Welt zu offenbaren, durch SEIN Leben, SEIN Wirken, SEINE Wunder, SEIN Sterben und vor Allem durch SEINE Auferstehung.
ER möchte in jedem von uns Wirklichkeit werden. ER möchte, dass jeder Mensch seine Ebenbildlichkeit mit IHM verwirklicht – offenbart, ein jeder auf seine Art und Weise, nach seinen Gaben. Darum denke ich, dass es viele Wege zu Gott gibt, dass ein jeder seinen Weg zu GOTT gehen kann, und dass ein jeder sich seinen Weg zu GOTT denken kann – denn sie dachte bei sich ….!
„GOTT denken“ heißt > ich denke nicht wie GOTT nach meinen Vorstellungen sein soll, sondern ich denke darüber nach, wie ich IHN wahrnehme.
„GOTT denken“ heißt nicht> IHM vorzuschreiben wie ER sein soll, wie ER handeln soll – sondern ER allein kann es, nur noch ER, kein Mensch mehr – ich vertraue auf IHN, ich glaube an IHN, ich glaube an mein Vertrauen auf IHN, an SEINE Unermesslichkeit, an SEINE Hilfe, wie auch immer sie ausfällt – wie ER es will, nicht wie ich es mir vorstelle – spürst Du den Unterschied?
„GOTT denken“ heißt nicht> GOTT ist mein Ebenbild, wie ich IHN mir mit meinen menschlichen Erklärungsversuchen vorstelle, sondern ganz klar: ich soll SEIN Ebenbild sein, nach meinen Möglichkeiten. Darum heißt es für mich nicht, dass alle meine Wünsche, Bitten, Vorstellungen automatisch erfüllt werden. GOTT ist kein „Erfüllungsautomat“. ER will ja kein Muttersöhnchen, dem alle Wünsche von den Augen abgelesen werden. ER will, dass ich mich dem Leben stelle – in Liebe – auch wenn es nicht so glatt läuft, dass ich meinen Teil zu meinem Leben beitrage. ER will, dass ich an IHN glaube, IHM vertraue, dass ER mir hilft, dass ER immer „da ist“.
Dieses „mystische-GOTT-Denken“ geschieht allein auf der Grundlage der Liebe, nicht auf der Grundlage irgendeines religiösen oder sonstigen Fundamentalismusses.
Mystik bedeutet nicht mehr nur lau, halbherzig zu leben, sondern die Menschen und GOTT zu lieben, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele mit ganzer Kraft. Sehnsucht zu spüren, dass ich nicht mehr unterscheiden kann, sehne ich mich nach Gott oder sehnt sich GOTT noch mehr nach mir, lebe ich selbst oder lebt GOTT in mir, liebe ich oder liebt GOTT durch mich.
Mystik ist der gegenwärtige Augenblick von Bethlehem, wo sich Himmel und Erde berühren, wo sich GOTT und Mensch berühren.
Mystik ist der Weg vom Kopf-Bewusst-Sein ins Herz-Bewusst-Sein.
Mystik ist etwas ganz persönliches, etwas ganz intimes, etwas ganz anderes > GOTT will, dass ich selbst bei mir denke - „IHN-denke“, nicht irgendjemand anderer, nicht die Kirche, oder z. B. Jogananda.
GOTT will, dass ich diesen Schritt „in-IHN“ selbst mache, aus meiner freien Entscheidung heraus – ER will eine ganz persönliche direkte Beziehung zu IHM. Als Christ: zum Vater, zu Jesus, zum Heiligen Geist.
Echte Mystik hat nichts mit Schwärmerei zu tun, sondern gibt Kraft dieses Leben zu leben.
Ich denke bei mir, nach der Mystik zu Leben ist Gottespraxis!
Diesen Schritt in die Mystik zu wagen, mehr zu glauben als die Kirche verlangt, in eine wirkliche Selbstgewissheit hineinzuwachsen - dass GOTT größer ist als Alles – hineinzuwachsen in ein neues weites, mystisches Gottesbild erinnert mich an ein Wort von Karl Rahner:
„Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker Sein – oder er wird nicht sein“.
Dieser Aussage kann ich nur zustimmen und möchte sie auch noch erweitern: Die Kirchen der Zukunft müssen mehr die mystischen Strukturen des Glaubens lehren, sonst werden die Kirchen immer noch leerer. Auch sie müssen diesen hohen Mut aufbringen, Gott wirklich in seiner Tiefe zu berühren, außerhalb von Dogmen und Gesetzen, diesen Schritt vom Kreuz in die Auferstehung zu wagen. Mehr möchte ich zu dem Thema Mystik und Kirche nicht sagen.
Ich denke bei mir: Ich darf diesen hohen Mut haben > GOTT zu denken.
SEINE Vollkommenheit – in meiner Unvollkommenheit, nicht mehr ich lebe – sondern Christus lebt in mir, SEIN Leben – in meinem Leben, nicht mehr ich denke – sondern der Heilige Geist denkt in mir.
Spürt ihr das Wesentliche? – nicht mehr ich – nicht mehr mein kleines Ego.
Es spielt keine Rolle für GOTT ob IHN die Frau vor 2000 Jahren berührte oder ich IHN in der Gegenwart berühre. – Hauptsache ich berühre IHN – so wie diese Frau, aus ganzem Herzen, in der Tiefe meiner Seele. GOTT ist innerhalb jeder Zeit (Vergangenheit – Augenblick – Zukunft), genauso wie außerhalb jeder Zeit (ohne Anfang, ohne Ende) – und darum wirkt GOTT (wirkt Jesus) auch zu jeder Zeit, damals wie heute.
Ich brauche keine Furcht mehr davor zu haben, wenn GOTT mich fragt: Wer hat mein Gewand berührt? Wer bist du, der mich berührt?
Ich brauche keine Furcht davor zu haben > IHM die ganze Wahrheit über mich zu sagen. Das Einzige was ich brauche ist Vertrauen, ist Glaube, ist Liebe > um diese Kraft zu erfahren, die von GOTT ausgeht.
Das bedeutet für mich Hingabe – Hingabe an GOTT – in aller Stille >
in Meditation, in Kontemplation, im Alltag – ohne große Worte.
Darum darf ich den hohen Mut haben – nicht mehr ich – der Kreis kann sich schließen – GOTT – Mensch – GOTT.
So wie bei dieser Frau – Sei still – vertrau …..
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Ich hoffe, Euch mit diesem Vortrag diesen hohen Mut gegeben zu haben, Euch selbst in der Tiefe und GOTT in Euch zu berühren, diese Einheit zwischen Mensch und GOTT immer mehr zu suchen und wahrzunehmen